Über 600'000 Autos fahren ungeprüft auf Schweizer Strassen

Lange Warteschlange von Autos vor einem Schweizer Strassenverkehrsamt - Symbol für die Überlastung der Behörden bei Fahrzeugkontrollen
Schweizer Strassenverkehrsämter sind überlastet: Über 600'000 Fahrzeuge fahren ohne gültige Prüfung. Das Autogewerbe bietet Lösungen an.

Das Ausmass des Problems

Die Zahlen sind beunruhigend: Über 600'000 Fahrzeuge sind auf Schweizer Strassen unterwegs, ohne eine gültige technische Prüfung zu besitzen. Das entspricht fast 10 Prozent aller Fahrzeuge – vor wenigen Jahren waren es noch fünfmal weniger. Die Strassenverkehrsämter in den meisten Kantonen sind schlichtweg überlastet und können die gesetzlichen Fristen nicht mehr einhalten.

Sven Britschgi, Geschäftsführer der Vereinigung für Strassenverkehrsämter, erklärt die dramatische Zunahme mit mehreren Faktoren: Der wachsende Fahrzeugbestand, ein florierender Occasionshandel und die Spätfolgen der Corona-Pandemie haben die Situation verschärft. Während der Pandemie mussten viele Verkehrsämter ihre Arbeit zeitweise einstellen und kämpfen noch immer mit den Rückständen.

Doch wie ist das möglich in einem Land, wo der Staat bereits einschreitet, wenn ein Scheinwerfer leicht schielt? Dies wirft die Frage auf, welche Prioritäten bei der Fahrzeugkontrolle tatsächlich gesetzt werden sollten.

Schweizer Landstrasse mit LKW - Verkehrssicherheit trotz vieler ungeprüfter Autos laut Bundesamt nicht gefährdet
Kein akutes Risiko: Das Bundesamt für Strassen sieht trotz der vielen ungeprüften Fahrzeuge keine unmittelbare Gefährdung der Verkehrssicherheit.

Sicherheitsrisiko oder unnötige Bürokratie?

Trotz der alarmierenden Zahlen sieht das Bundesamt für Strassen kein unmittelbares Sicherheitsrisiko. Unfälle aufgrund technischer Mängel oder mangelnden Unterhalts machen heute nur ein Prozent aller Verkehrsunfälle aus. Die Verantwortung für die Fahrzeugsicherheit liegt primär bei den Fahrzeughaltern selbst, nicht bei den Prüfämtern.

Diese Einschätzung wirft grundsätzliche Fragen auf: Entspricht die heutige Regelung der Motorfahrzeugkontrolle noch den aktuellen Anforderungen? Welche Rolle spielt dieser administrative Prozess tatsächlich für die Verkehrssicherheit? Und welche Alternativen gibt es, wenn die bestehenden Strukturen an ihre Grenzen stossen?

Moderne Autowerkstatt mit Hebebühne und Diagnosegeräten
Präzise Diagnostik: Moderne Werkstätten sind teilweise besser ausgerüstet als die Ämter und könnten komplexe Fahrzeugsysteme effizienter prüfen.

Die Alternative: Private Kontrollen statt Staatsversagen

Das Schweizer Garagengewerbe steht bereit, die Kontrollen zu übernehmen. Die Branche verfügt über das notwendige Personal, ISO-zertifizierte Instrumente und spezifisches Know-how. Mechatroniker und Diagnostiker sind oft markenspezifisch ausgebildet und verfügen über tiefere Fachkenntnisse als staatliche Kontrolleure. Viele private Betriebe sind zudem moderner ausgerüstet und können komplexe Fahrzeugsysteme effizienter prüfen.

Die administrative Abwicklung könnte vollständig digitalisiert werden. Die meisten Fahrzeughersteller dokumentieren bereits heute jeden Service elektronisch. Insider bestätigen: «Die vielen Werkstätten in der Schweiz würden den Stau auf den Ämtern in kürzester Zeit abbauen.»

In anderen Bereichen funktioniert die Delegation von Prüfaufgaben an Private bereits erfolgreich. Kaminfeger kontrollieren Heizungen, Elektriker prüfen Installationen – warum nicht auch Garagen die Fahrzeuge? Grundsätzlich sollten Staatsorgane nur dann tätig werden, wenn ein Marktversagen vorliegt und Private die Aufgabe nicht erfüllen können. Bei der Motorfahrzeugkontrolle scheint es eher umgekehrt zu sein: Der Staat versagt.

Doch bleiben wichtige Fragen offen: Wie liessen sich mögliche Interessenkonflikte vermeiden, wenn dieselben Betriebe sowohl reparieren als auch prüfen? Und wie könnte die Qualitätssicherung bei den privaten Kontrolleuren gewährleistet werden?

Zeit zum Handeln

Die aktuelle Situation zeigt deutlich: Das bestehende System stösst an seine Grenzen. Während die Kantone versuchen, mit mehr Personal den Rückstau abzubauen, wächst dieser schneller als die Lösungskapazitäten. Die Antwort muss daher über das blosse Aufstocken von Stellen hinausgehen.

Die Diskussion um eine mögliche Einbindung des Garagengewerbes in die Fahrzeugkontrollen verdient eine seriöse Prüfung. Andere Länder haben bereits Erfahrungen mit privaten Prüforganisationen gesammelt – deren Analyse könnte wertvolle Erkenntnisse liefern. Entscheidend wird sein, transparente Qualitätsstandards zu definieren und unabhängige Kontrollmechanismen zu etablieren.

Die Schweizer Autofahrer haben Anspruch auf ein funktionierendes System – sei es staatlich oder privat organisiert. Die Zeit des Abwartens sollte vorbei sein.