BYD in China: Eine Reise in die intelligente Zukunft der Elektromobilität

BYD
BYD zeigt in China neue Technologien für Elektroautos: Blade-Batterie, Flash-Charging, KI und automatisiertes Fahren – mit Europa im Visier.

Wer verstehen will, weshalb chinesische Autohersteller die globale Automobilindustrie derzeit so stark unter Druck setzen, kommt an BYD nicht vorbei. Kaum ein Unternehmen steht so exemplarisch für den technologischen Aufstieg Chinas und die Zukunft der Elektromobilität wie Build Your Dreams.

Gegründet wurde BYD 1994 von Wang Chuanfu – nicht als Autobauer, sondern als Batteriehersteller. Damals boomte der Markt für Mobiltelefone, und BYD spezialisierte sich auf wiederaufladbare Akkus. Bereits wenige Jahre später belieferte das Unternehmen internationale Konzerne wie Nokia, Motorola und weitere Elektronikhersteller. Die Batterien vieler Mobiltelefone der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre stammten aus den Fabriken des chinesischen Unternehmens.

Erst 2003 stieg BYD ins Automobilgeschäft ein. Heute ist das Unternehmen der grösste Elektroautohersteller der Welt, grösser als Tesla. Neben der Kernmarke gehören auch die Premiummarke Denza und die Luxusmarke Yangwang zum Konzern. Denza ist bereits in der Schweiz erhältlich, Yangwang noch nicht.

Dass BYD längst mehr als ein klassischer Autobauer ist, wurde bei der «Tech Journey – Intelligence Drives the Future» in Shenzhen deutlich, wo sich der Hauptsitz des Konzerns befindet. Rund 50 Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt, darunter AUTO&Wirtschaft als eines von zwei Schweizer Medien, erhielten Einblick in die technologische Zukunftsstrategie des Unternehmens.

Das Elektroauto wird zum Computer auf Rädern

Im Zentrum der Präsentationen standen weniger die Fahrzeuge als die Technologien dahinter. Besonders eindrucksvoll war die Demonstration des neuen BYD-Flash-Charging-Systems. Mit Ladeleistungen von bis zu 1500 kW will BYD die Ladezeiten von Elektroautos drastisch verkürzen. Unter normalen Bedingungen lässt sich eine 120-kWh-Batterie damit in rund neun Minuten von 10 auf 97 Prozent laden.

Dass dies nicht nur unter Idealbedingungen funktioniert, zeigte BYD vor Ort: Ein Denza Z9 GT stand 24 Stunden lang bei minus 30 Grad Celsius in einer Kältekammer. Anschliessend wurde die Batterie ebenfalls in weniger als zehn Minuten von 10 auf 97 Prozent geladen.

Möglich wird dies durch die zweite Generation der BYD-Blade-Batterie mit neuer Hochvolt-Architektur und speziell entwickeltem Thermomanagement. Bereits heute sind in China mehr als 6000 entsprechende Schnellladestationen in Betrieb, bis Ende Jahr sollen es über 20'000 sein. Wann die ersten BYD-Flash-Charger in die Schweiz kommen, ist noch offen.

BYD verfolgt zudem das Ziel, Verkehrsunfälle langfristig gegen null zu reduzieren. Das neue System «God’s Eye», die nächste Generation der Fahrassistenz, soll künftig in immer mehr Modellen eingesetzt werden. Als weltweit erster Hersteller bietet BYD in China sogar eine umfassende Schadensabdeckung für Fahrzeuge an, die mit diesen Funktionen unterwegs sind. Kommt es bei regelkonformer Nutzung zu einem Unfall, übernimmt das Unternehmen die wirtschaftlichen Schäden.

Die Grundlage dafür liefern enorme Datenmengen: Mehr als 3,15 Millionen Fahrzeuge erfassen täglich über 200 Millionen Kilometer Fahrdaten, die direkt in die Weiterentwicklung der Algorithmen einfliessen.

Ebenfalls vorgestellt wurde der «XUANJI A3», der erste von einem chinesischen Autohersteller selbst entwickelte 4-Nanometer-Chip für hochautomatisiertes Fahren. Mit einer Rechenleistung von über 2100 TOPS – mehr als zwei Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde – soll er die Daten moderner Fahrassistenzsysteme in Echtzeit verarbeiten.

BYD nimmt Europa ins Visier

Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, was heute in China möglich ist, sondern wann diese Technologien Europa erreichen. Hier bremsen vor allem regulatorische Vorgaben. Viele Systeme wären technisch bereits einsatzbereit, doch die gesetzlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich deutlich von jenen in China. Dennoch macht BYD keinen Hehl daraus, dass Europa zu den wichtigsten Wachstumsmärkten zählt.

Wie gross die Ambitionen sind, wurde auch in den Gesprächen mit Stella Li, Executive Vice President von BYD, und Europa-Berater Alfredo Altavilla deutlich. Beide sehen die Zukunft des Automobils weniger in klassischer Fahrzeugtechnik als in Software, künstlicher Intelligenz und datengetriebenen Systemen.

«Wir wollen die Zahl der Unfälle gegen null bringen»
Stella Li

Für Stella Li steht nicht die Technologie selbst im Mittelpunkt, sondern ihr Nutzen. Das langfristige Ziel sei klar: Intelligente Systeme sollen das Autofahren sicherer machen und die Zahl der Verkehrsunfälle drastisch reduzieren.

Europa spiele dabei eine zentrale Rolle. Viele BYD-Fahrzeuge seien technisch bereits vorbereitet. Nun müssten die Systeme an lokale Gegebenheiten und regulatorische Anforderungen angepasst werden.

Auf eine Frage von AUTO&Wirtschaft zur Schweiz verwies Li insbesondere auf das Flash-Charging. Gerade in kalten Regionen könne die Schnellladetechnologie zu einem entscheidenden Argument für die Elektromobilität werden. Auch bei winterlichen Strassenverhältnissen sieht sie Vorteile: Assistenzsysteme und intelligente Fahrfunktionen sollen Fahrten auf Schnee und Eis künftig sicherer und entspannter machen.

«BYD denkt wie ein Technologieunternehmen»
Alfredo Altavilla

Der frühere Fiat-Chrysler-Manager Alfredo Altavilla begleitet den Ausbau des Europageschäfts von BYD. Sein wichtigster Rat an die Chinesen lautete von Anfang an: Wer in Europa erfolgreich sein will, muss europäisch denken.

«Europäische Kunden fahren anders und haben andere Erwartungen als chinesische Käufer», sagt Altavilla. Deshalb seien zahlreiche BYD-Modelle gezielt an europäische Bedürfnisse angepasst worden – von der Fahrwerksabstimmung bis zur Fahrdynamik.

Besonders beeindruckt zeigt sich Altavilla von der Unternehmenskultur. Viele Menschen würden BYD noch immer als Autohersteller betrachten. Tatsächlich sei das Unternehmen vor allem ein Technologiekonzern. Genau darin sieht er den entscheidenden Unterschied im globalen Wettbewerb.

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