Mythen aus dem Netz im Test
Dafür braucht es den Neutralgang wirklich
Haben Sie den N-Gang schon bewusst eingesetzt? Und sind Sie sicher, dass Sie
ihn auch richtig verwenden? Diese Fragen können viele Autofahrende gar nicht so einfach beantworten. Im Netz kursieren dann auch viele Mythen, wofür es den N-Gang eigentlich wirklich brauche. STREETLIFE hat sich diese mit Hilfe eines Experten der Automaten-Meyer AG etwas genauer angeschaut. Hier kommen die Resultate:
Mythos 1: An der Ampel von D auf N schalten schont das Getriebe
Ein weit verbreiteter Tipp besagt, dass man bei roten Ampeln den Schalthebel
auf N stellen soll, um Hitze und Verschleiss zu reduzieren. Die Begründung: Im
Drive-Modus würde das Getriebe unnötig stark beansprucht.
In der Praxis stimmt das jedoch nicht. Der Experte erklärt, dass häufiges
Umschalten zwischen D und N den Öldruck im Automatikgetriebe ständig schwanken lässt. Genau diese Belastung kann langfristig den Verschleiss erhöhen.
Besonders bei älteren Getrieben kann dies ernsthafte Folgen haben: «Bei bestimmten Typen kann es nach wiederholtem Wechsel in den Neutralgang vorkommen, dass sich das Getriebe später gar nicht mehr aus N bewegen lässt – eine innere Beschädigung ist möglich.»
Moderne Getriebe sind zwar robuster, ein Vorteil durch das Umschalten
besteht jedoch nicht. Bei kurzen Stopps sollte man besser im D-Modus bleiben
und die Bremse nutzen.
Start-Stopp-Automatik: Muss man sich sorgen?
Viele fragen sich, ob Start-Stopp-Systeme das Getriebe zusätzlich belasten, weil beim Motorstillstand der Öldruck abfällt. Moderne Getriebe sind hier technisch
abgesichert: Ein Druckspeicher sorgt dafür, dass jederzeit ausreichend
Hydraulikdruck vorhanden ist, sodass der Antrieb beim Neustart sofort reagiert.
Verschleissprobleme gibt es hier nicht.
Mythos 2: Bergab im Leerlauf spart Kraftstoff
Ein weiterer populärer Tipp: Den Gang beim Bergabrollen auf N stellen, um
Sprit zu sparen. Technisch ist das allerdings keine gute Idee – weder bei
Schalt- noch bei Automatikgetrieben.
Im Neutralgang läuft der Motor im Leerlauf, der Öldruck im Getriebe kann
abfallen, die Schmierung ist nicht optimal. Besonders kritisch wird es beim
Wiedereinlegen eines Gangs, da Drehzahl und Übersetzung oft nicht
übereinstimmen und die Kupplungen stark belastet werden.
Die klare Empfehlung lautet daher: Den Fuss auf die Bremse setzen, statt das
Getriebe als «Motorbremse» zu missbrauchen. Neue Bremsbeläge sind deutlich günstiger als eine Getriebereparatur, die schnell 7000 bis 8000 Franken kosten kann.
Mythos 3: Beim Parkieren zuerst auf N schalten
Ein weiterer Tipp aus dem Internet lautet, beim Abstellen zuerst N, dann
Handbremse und erst danach P einlegen, um das Getriebe zu entlasten. Laut dem Experten ist dies zwar nicht falsch, fachlich korrekt ist jedoch ein anderer
Ablauf:
Richtig ist: Das Fahrzeug mit der Fussbremse anhalten, P einlegen, Handbremse aktivieren und erst dann die Bremse lösen.
Der Hintergrund: Die Parkklinke ist ein vergleichsweise kleines Bauteil.
Rollt das Auto dagegen, steht sie unter Spannung, was das spätere Lösen
erschwert. N ist hierbei nicht notwendig – es schadet nicht, bringt aber auch
keinen Vorteil.
Handbremse und Versicherung
Die Parkstellung P gilt rechtlich nicht als Feststellbremse, sondern nur als
Getriebesicherung. Versagt die Parkklinke und das Auto rollt weg, kann dies im
Schadensfall versicherungstechnische Probleme verursachen – besonders, wenn die Handbremse nicht angezogen wurde. Deshalb aktivieren viele moderne Autos beim Abstellen automatisch die elektrische Parkbremse.
Wofür der Neutralgang tatsächlich gedacht ist
Der N-Gang hat im Alltag nur wenige, klar definierte Einsatzgebiete. Seine
Hauptfunktion: das Fahrzeug mechanisch vom Antrieb trennen, ohne es zu sichern. Typische Situationen sind:
- Abschleppen oder manuelles Bewegen bei einer Panne.
- Durch Waschstrassen ziehen lassen, zum Beispiel auf Förderbändern.
- Rangieren oder Fahrzeuge auf Werkstattlifte schieben, ohne Motor oder Getriebe zu belasten.
- Bei sehr langen Standzeiten mit laufendem Motor kann N
sinnvoll sein.